Kai Müller

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Kai Müller betreibt eines der meistgelesenen deutschen Blogs: Auf StyleSpion geht es um Inneneinrichtung, Fotografie, Design und Musik. Müller arbeitet seit zehn Jahren im und für das Internet, ist Webdesigner, Suchmaschinenoptimierer und "Usability-Fanatiker".

Kai, Du hast Anfang des Jahres Deine Festanstellung gekündigt, um Dich selbstständig zu machen. War das schon lange Dein Wunsch oder wie kam es konkret dazu?
Kai Müller: Ich bin nicht zum ersten Mal selbstständig. Um genau zu sein, ist es bereits das dritte Mal. Mich aus meiner Festanstellung zu lösen, um 100 Prozent Energie in eigene Projekte stecken zu können, war eine Notwendigkeit. Das Blog und der damit einhergehende Aufwand bestimmte die Hälfte meines Tages, die andere Hälfte mein Job in der Agentur. Das konnte auf Dauer nicht funktionieren, und ich habe die Chance genutzt. Bedenken bezüglich des Einkommens hatte ich eher weniger, aber ich musste mich im Kopf von der vermeintlichen Sicherheit einer Festanstellung frei machen. Dennoch war die Entscheidung kein Sprung ins kalte Wasser, da ich StyleSpion.de zu diesem Zeitpunkt schon zwei Jahre lang aufgebaut hatte. Glücklicherweise habe ich diesen Schritt bisher in keiner Sekunde bereut.

Vermutlich eher zufällig fiel der Start Deines eigenen Business mitten in die Wirtschaftskrise. Wie hast Du das erlebt?
Müller: Ich kann nicht behaupten, die Wirtschaftskrise eingeplant zu haben, aber für mich war und ist das auch kein Thema. Ich bin der Meinung, dass Krisen vor allem eines bieten: Chancen. Das konnte man Anfang des Jahrtausends gut beobachten, als die Dotcom-Blase platzte. Nachdem der erste Schock verdaut war, fand ein Umdenken statt. Für das Internet bedeutete das konkret, dass man damit begann, die Dinge stärker zu hinterfragen, mehr Werte zu schaffen, Bedürfnisse zu befriedigen, den Nutzer in den Mittelpunkt zu stellen. Erst dadurch konnte das Internet zu dem Medium werden, das wir heute kennen. Wer weiß, wäre die Blase nicht geplatzt, müssten wir vielleicht noch heute bei jeder zweiten Website den "Skip Intro"-Button suchen. Finanziell gesehen kann ich keinen starken Rückgang bei z. B. Werbebuchungen sehen, ich bin sogar in der glücklichen Lage, keine Akquise machen zu müssen. Die Anfragen kommen von alleine, ich muss lediglich ausfiltern.

Sind Krisen vielleicht auch gute Zeiten, etwas Neues anzufangen?
Müller: Definitiv. Es gibt sicher auch schlaue Studien, die das belegen. Eine gute Idee wird immer gehört – auch die Wirtschaftskrise wird niemandem die Ohren verschließen.

Ist es in der digitalen Ökonomie einfacher, sich selbst zu verwirklichen? Kann man sein Leben heute "hacken" und dadurch optimieren?
Müller: Es ist wohl kostengünstiger als je zuvor. Inzwischen klingt das vielleicht abgedroschen, aber es ist einfach Wahnsinn, dass ich heute innerhalb weniger Sekunden über die ganze Welt Inhalte verbreiten kann. Ein ebenfalls enorm wichtiger Faktor ist die Vernetzung und überhaupt die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit Ansprechpartner für alle Belange zu finden. Das spart eine Menge Zeit, die – und das muss man fairerweise auch erwähnen – an anderen Stellen wieder aufgebraucht wird. Wer wie ich so transparent im Netz unterwegs ist, bekommt eine Menge Feedback auf unzähligen Kanälen, das ist grandios, kostet aber eine Menge Zeit. Im Grunde kommuniziere ich heute beinahe ausschließlich mit Menschen, die ich noch nie getroffen habe. Ich schätze, das ist ein gesellschaftlicher Wandel.

Gary Vaynerchuk sagt: Wenn man heutzutage auch nur zu fünf Prozent mit dem unzufrieden ist, was man tut, soll man sofort damit aufhören und stattdessen etwas machen, woran das Herz hängt. Man werde das schon monetarisieren können, er selbst sei das beste Beispiel. Auf Dich trifft das auch zu, oder? Kannst Du diesen Weg anderen empfehlen?
Müller: Dem würde ich bedingt zustimmen. In meinem Leben ist die Unzufriedenheit ein starker Motor. Unzufriedenheit fördert die Weiterentwicklung und das Hinterfragen von Gewohnheiten. Wäre ich mit allem immer und ständig zufrieden, würde ich stehen bleiben. In der digitalen Welt bedeutet das aber den sicheren Tod, da die Zeit rast. Gary hat selbstverständlich recht, wenn er sagt, dass man immer grundsätzlich dann am besten ist, wenn man sich voll einbringen kann, sich am wenigsten verstellen muss und selbst bestimmen kann, worauf man seine Energie verwendet.

Eine weitere interessante Theorie kommt von Seth Godin, der meint: Es gibt da draußen unendlich viele "Stämme", die darauf warten, dass man ihr Anführer wird. Im Grunde dasselbe Argument wie bei Gary Vanyerchuk: Tue, was Du liebst, dann findest Du weltweit Gefolgschaft, Kunden, Geschäfte. Dafür scheinst Du ein ideales Beispiel zu sein, oder?
Müller: Seth Godin ist ein schlauer Mann und seine Theorie über "Tribes" ist nachvollziehbar. Was mir daran nicht gefällt, ist der Vorsatz, ein Anführer zu werden. Ich mag die Augenhöhe einfach lieber.

Wenn man die Wirtschaftskrise als Anlass begreift, bestehende Strukturen infrage zu stellen, neue Ideen zu entwickeln – müssen wir selbst unser Leben neu erfinden?
Müller: Für meine Berufswelt trifft es zu, klar. Ich habe nur eine Ahnung, wie es in fünf, zehn oder gar zwanzig Jahren aussehen könnte – aber ich bin mir sicher, dass von den Ideen, die die Generation meiner Eltern hatte, nicht mehr viel übrig bleibt, außer vielleicht den Laubensiedlungen.

Ermöglichen die neuen sozialen Techniken dieses Sich-neu-Erfinden?
Müller: Das klingt mir zu sehr nach schauspielern. Auch in den Social Networks wird früher oder später auffallen, ob man nur in eine Rolle geschlüpft ist, oder "echt" ist. Authentizität wird eine der großen Herausforderungen sein, gar nicht so sehr für die einzelnen Menschen, sondern vor allem für Unternehmen. Wie schwer Unternehmen die Kommunikation mit ihren Kunden fällt, können wir jeden Tag erleben.

Ist das Ganze doch nur ein Minderheiten-Phänomen?
Müller: Die breite Masse ist noch längst nicht da, wo sie selbst ernannte Social-Media-Experten und ihre Kunden gerne hätten. Wir lassen uns nur zu gerne von Zahlen und bunten Powerpoint-Folien blenden. Dazu kommt, dass man sich in der Regel mit seinesgleichen umgibt – schon ist die Illusion einer komplett vernetzten, twitternden und bloggenden Republik manifestiert. Der gemeine User nutzt die großen Netzwerke aber, ohne all zu viel darüber nachzudenken. Er sieht nur die Möglichkeit und nutzt sie. Dass er nun zur "Generation Upload" gehören soll, ist ihm dabei so unklar wie egal.

Als hauptberuflicher Blogger hast Du einen Beruf, den es vor fünf Jahren noch gar nicht gab. Was bedeutet das für Berufswahl, Ausbildung etc. – was sollen junge Menschen lernen, wie sich ältere weiterbilden? Versteht Deine Familie, was Du tust?
Müller: Meine Familie versteht nicht, was ich tue. Wie auch? Junge Menschen haben zumindest den Vorteil, dass sie das Internet so selbstverständlich nutzen, wie keine andere Generation. Problematisch ist dabei wohl, dass die Entwicklung so schnell vonstattengeht, dass kaum ein Lehrbuch und noch weniger Lehrpersonal imstande ist, mitzuhalten. Alles, was ich heute mache, habe ich mir selbst beigebracht, primär mit Input aus dem Netz. Und vieles von dem, was ich mir angeeignet habe, gebe ich selbst wieder über das Netz weiter. Wer zuhören kann und auch hinterfragt, wer Interesse hat und offen ist, dem bietet das Internet bereits heute alles, was er benötigt, um sich fortzubilden.

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Zitate aus Meconomy

»Die Wirtschaftskrise hat etwas Gutes. Sie ist so tiefgreifend und systemerschütternd, dass plötzlich Raum entsteht für Fragen: Wie haben wir eigentlich gelebt? Was war uns wichtig, was waren unsere Werte? Soll das so weitergehen? Und: Wie wollen wir eigentlich leben?«

— Claudia Voigt, Der Spiegel

»Es gibt heute keinen Grund mehr, Dinge zu tun, die man hasst. „Sie sollten sich fragen: Was will ich jeden Tag tun, bis ans Ende meines Lebens? Und dann müssen Sie genau das tun. Ich schwöre, dass Sie es monetarisieren können.«

— Gary Vaynerchuk, Videoblogger

»Glauben Sie an das, was Sie tun? Jeden Tag? Es stellt sich heraus, dass glauben eine brillante Strategie ist. Immer mehr Menschen merken gerade, dass sie sehr viel arbeiten und dass es sehr viel befriedigender ist, an etwas zu arbeiten, an das sie glauben und Dinge zu bewegen, als einfach nur jeden Monat sein Gehalt zu bekommen und darauf zu warten, gefeuert zu werden (oder zu sterben).«

— Seth Godin, Management-Autor

Es gibt drei Wege, Meconomy zu kaufen – je nachdem, welches Format man bevorzugt:

1) Man kann hier den PDF-Download wählen. Das PDF ist sehr vielseitig, funktioniert auf allen Computern, vielen Smartphones und E-Readern. Außerdem bekommt man ein farbiges, animiertes Cover, das ziemlich cool aussieht.

2) Das gängigste E-Book-Format heisst EPUB und läuft auf fast allen Lesegeräten (Achtung: nicht auf dem Kindle). Man kann EPUBs aber auch am Rechner lesen, mit kostenlosen Programmen wie Digital Editions. Das EPUB bekommt man in den großen E-Book-Shops online, zum Beispiel bei Libri.de, Ciando.de, Thalia.de oder Buch.de.

3) Wer das Buch als iPhone-App haben möchte, kauft es im iTunes Store oder schaut erst mal bei textunes (da gibt es auch eine Leseprobe). Vorteil bei diesem Format: der Kauf einer App geht blitzschnell und einfach, sie ist komfortabel zu bedienen und stellt den Inhalt sehr schön dar. Auch hier gibt es das farbige, animierte Cover.

Wichtig: Egal, welche Plattform, welcher Shop und welches Format – das Buch kostet immer 9,99 Euro. Und damit keiner doppelt kaufen muss: Wer mir seine iTunes-Rechnung mailt, dem schicke ich ganz unbürokratisch und umsonst auch das PDF zu (nicht aber andersherum und der Deal geht leider nicht im Zusammenhang mit dem EPUB).

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