“Wie gründet man eigentlich ein Café, Ansgar Oberholz?”

 

Foto: Felix Broede 2012

Ansgar Oberholz (Bild), den Inhaber des Café St.Oberholz in Berlin, habe ich zum ersten Mal persönlich getroffen, als ich ihn für die Brand Eins interviewte. Später bin ich dann noch einmal mit einer Koreanischen Regierungsdelegation zum Oberholz gekommen – die Besucher interessierten sich für alle Aspekte dessen, was sie zu Hause “Smart Work” nennen. Das Konzept eines Cafés, in dem das WLAN kostenlos ist, der Kaffee und das Essen hervorragend, und das darum stets voll ist mit jungen Gästen, die an ihren Laptops arbeiten, fanden die Koreaner großartig. Die hübschen Coworking-Appartements über dem Café ebenso.

Den Chef des Oberholz hatte ich mir vorher immer als leicht bornierten Hipsterschnösel vorgestellt, aber Ansgar war ganz anders – freundlich, offen, neugierig. Das seltene Beispiel eines erfolgreichen Unternehmers mit der Fähigkeit zur Selbstironie. Kürzlich veröffentlichte er seinen ersten Roman, ein stark autobiografisch gefärbtes – und sehr lesenswertes – Buch, in dem es um die Gründungstage des St. Oberholz geht. Weil ich in diesem Blog immer gern Geschichten von Gründern veröffentliche und von Menschen, die sich erfolgreich neu erfinden, bat ich ihn um einen Gastbeitrag zu den Irrungen und Wirrungen der Selbständigkeit. Hier kommt er …

“Neulich haben mich zwei Studenten des Studienganges ‘Unternehmensgründung und Nachfolge’ der HWR im Rahmen ihrer Semesterarbeit interviewt. Am Ende wollten sie den ultimativen Tipp für junge Entrepreneure von mir haben. Ich riet ihnen: »Wenn Dich einmal eine Idee gepackt hat und Du sie umsetzt, lasse dich nicht verleiten davon abzukommen, egal wie dunkel und steinig der Weg auch sein mag. Auch wenn es schlecht läuft und deine Freunde dich für verrückt erklären. Denke immer an den Moment an dem es dich entzündete und halte dich daran fest. Modifiziere die Idee und passe sie an, aber verrate sie nie.«

Dann stellte ich fest, dass es in meinem Roman unter anderem auch genau darum geht. Hier ein passender Ausschnitt daraus:

Der Ich-Erzähler in »Für hier oder zum Mitnehmen?« hat vor einigen Wochen seinen Traum erfüllt und ein großes Café in Berlin Mitte eröffnet. Es läuft alles andere als gut, ihn drücken Geldsorgen und die Frage, ob er vielleicht alles falsch gemacht hat. Er flüchtet mit einem alten Freund, Florian, der gerade nach seiner Trennung aus der Münchner Idylle nach Berlin gezogen ist, in die Abendsonne des Spätsommers auf dem Preußischen Garnisonsfriedhof in der Nähe.

»Wie läuft es mit deinem neuen Job?« Ich betrete vermeintlich unvermintes Gebiet.

Florian hat seinen Kleidungsstil innerhalb kürzester Zeit von München auf Berlin umgestellt. Das macht Berlin mit den Kleinstädtern. Barbour-Jacke und hellblaues Hemd hat er eingetauscht gegen Trucker-Cap, Jeans, T-Shirt, Parka und Sneakers. Sein blondes Haar trägt er nun länger, die Tren- nung hat es an den Seiten silbrig erglänzen lassen.

»Ach, die zahlen ja gut, aber es ist stinklangweilig. Wenigstens habe ich da am Potsdamer Platz einen schönen Ausblick. Ich arbeite an der Bauausführung eines großen Ärztehauses in Moabit. Spannend, sage ich dir.« Das ›a‹ von spannend zieht er in die Länge und lacht.

Wir haben uns aus dem Café zwei Flaschen Bier mitgenommen, mit denen wir, auf einer Bank sitzend, klirrend anstoßen. Vor uns auf dem Kiesweg liegen viele Zigarettenstummel, daneben liegt Dörte. Wir machen immer wieder kleine Pausen und recken unsere Gesichter Blumenblüten gleich so in die tiefstehende Sonne, dass die größtmögliche Fläche beschienen wird. Wir sprechen langsam. Wir haben Feierabend.

»Du weißt gar nicht, wie gerne ich mit dir tauschen würde«, sage ich. »Die Vorstellung, ein übersichtliches Aufgabenfeld vor mir zu haben und vor allem am Monatsanfang regelmäßig Kohle überwiesen zu bekommen, finde ich sehr anziehend. Und wenn es dann auch noch viel Geld ist …«

»Aber das mit dem Café ist doch das, was du unbedingt machen wolltest. Du machst doch immer genau das, was du machen willst. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ich habe dich immer darum beneidet. Du hast Software programmiert, als noch niemand wusste, was ein Computer ist, du warst Musiker, du hast Werbekampagnen für Telefonsexhotlines gemacht. Jetzt bist du Gastwirt mit so einem Riesenladen mitten in Berlin. Das wird schon, das braucht eben Zeit. Aber wenn du darauf bestehst, ja, lass uns tauschen.«

Als ich gerade dreizehn geworden war, wünschte ich mir zum Weihnachtsfest 1985 eine Atari-Spielkonsole, die man ans Fernsehgerät anschließen konnte. Vor allem nach dem Tennisspiel mit zwei Balken als Spielern und einem viereckigen Ball sehnte ich mich. Meine Eltern ließen sich zu diesem Thema im Radio- und Fernsehfachgeschäft Könen in der Kleinstadtsenke beraten. Herr Könen riet zu einem Commodore C64 anstelle der Atari-Spielkonsole. Mit dem könne man Computerspiele spielen, es sei aber auch ein richtiger Homecomputer.

Meine Enttäuschung war groß. Ohne weiteres Zubehör konnte man nur Basic programmieren. Die beiliegende Floppy Disk riss ich auf und nahm die Magnetfolie heraus. Ich wunderte mich, wie schwer sie zu öffnen war. Ich dachte, es handele sich um eine Art Schallplatte. Die Floppy Disk war damit zerstört.

Auf Anregung meines Vaters entwickelte ich eine Software, eine in Basic programmierte Datenbank, die Ärzten die Abrechnung der Privatpatienten im Vergleich zum traditionellen Maschinenschreiben der Sekretärin erheblich erleichterte. Mein erster Kunde war mein Vater. Einziger Nachteil war, dass nur ich die Datenbank bedienen konnte. Auf die Ergonomie des User Interfaces hatte ich in der Entwicklung nicht unbedingt den Schwerpunkt gelegt. Aber im Laufe der nächsten Monate konnte ich zwei weitere Lizenzen verkaufen. Das war der Beginn meiner Selbständigkeit. Die Kunden waren Arztkumpels meines Vaters, die auch Söhne in meinem Alter hatten. Die wiederum freuten sich, nun endlich einen vernünftigen Grund zur Anschaffung eines C64 gefunden zu haben. Die Umschulung der Söhne zu Datenbankfachkräften und auch den Support und einige Updates ließ ich mir gesondert vergüten. Ich hatte ein Monopol geschaffen, und das Marktpotential war unendlich groß.

Als ich kurze Zeit später gemeinsam mit den anderen von mir ausgebildeten Datenbankfachkräften in die Labyrinthe der Pubertät abtauchte, erlöste mich das Platzen meiner ersten persönlichen Dotcom-Blase aus meinen Lizenzverträgen. Die ersten professionellen Praxiscomputersysteme, die auf MS-DOS-Basis gebaut waren, kamen auf den Markt und umfassten als kleines Tool auch die Privatabrechnung auf Knopfdruck – mit User Interface, das damals Eingabemaske hieß.
Als ich einige Jahre später von Steve Jobs hörte, bereute ich den Ausstieg aus der Computerbranche doch ein wenig.

Die Erfahrung der Selbständigkeit allerdings blieb haften. Ich schwenkte um in eine andere Branche. Mein Vater hatte ein Vertikutiergerät für den Rasen gekauft, das nutzte ich, um die Rasen der Nachbarschaft zu vertikutieren. Die Nachbarn wussten bis dahin nicht einmal, was Vertikutieren war. Man ritzte mit einer Art großem Rasenkamm den Boden zur Belüftung an und riss dabei das Moos heraus. Das passte viel besser zu meiner Pubertät, als die nerdige Softwareverkäuferei. Wie in einer Szene in »Die Reifeprüfung« vertikutierte ich, dem jungen Dustin Hoffman gleich, mit wilden Fantasien im Kopf, in denen unsere Nachbarinnen und deren Töchter die Hauptrollen spielten, mit nacktem Oberkörper die nachbarschaftlichen Rasen, bis sie völlig entmoost waren.

Direkt nach dem Vertikutiervorgang sahen die Rasen alles andere als gesund aus. Ich wurde selten zweimal vom gleichen Kunden gebucht. Zudem blieb jegliche Form von Abenteuer aus. Das Vertikutierbusiness hängte ich enttäuscht an den Nagel.

»Meine ganzen Unternehmungen waren doch nie so richtig erfolgreich«, erwidere ich Florian. »Vielleicht habe ich einfach nie etwas konsequent zu Ende gebracht? Kann alles, aber nix richtig? Wer weiß denn schon, was er genau machen will? Ist es nicht so, dass man sich zu jeder Zeit nach dem anderen sehnt, nach dem, was man gerade nicht hat? Und muss man Freiheit immer gegen Sicherheit tauschen? Kann es nicht beides geben?«

»Bis gerade eben noch habe ich in meiner heilen Münchner Kleinfamilienwelt gelebt und hatte mehr Sicherheit als alles andere, und von heute auf morgen bricht alles zusammen. Rums! Da will man doch lieber Freiheit und Unsicherheit als Unfreiheit und Sicherheit, die jederzeit verschwinden kann. Es gibt keine Sicherheit. Sicherheit ist nur eine Illusion. Ein Trick der Psyche.«

»Genau. Die großen versunkenen Schätze liegen draußen in der weiten, offenen See, feste Anlegeplätze findet man an der Küste.« Darauf stoßen wir ritterlich an. Wenn alles immer so romantisch wäre.”

Soweit der Gastbeitrag von Ansgar Oberholz. Vielen Dank, Ansgar!

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