Selbstversuch: Ein Monat ohne Internet und Mobiltelefon – geht das?

Mein netter Kollege Christoph Koch, der als Journalist unter anderem für Neon, Brand Eins und Monocle schreibt, hat ein Buch herausgebracht. Darüber habe ich mich erst ein bisschen geärgert, dann gefreut. Geärgert, weil die Idee so klar definiert und elegant exekutiert ist, dass ich darauf gern selbst gekommen wäre: Christoph hat etwas mehr als einen Monat lang ohne Internet und Handy gelebt und eine Art Tagebuch darüber geschrieben.

Gefreut habe ich mich dann beim Lesen, denn das Buch ist sehr gut. Keine platte Polemik, keine Maschinenstürmerei und keine Nabelschau. Sondern unterhaltsam, oft lustig und immer klug. Ich kann es wirklich jedem empfehlen, der sich selbst manchmal fragt, wie viel Facebook und Twitter zu viel sind (also eigentlich uns allen, oder?).

Das Buch ist zurecht schon sehr erfolgreich. Hier eine kleine Leseprobe, in einigen Tagen folgt dann ein Interview, das ich mit Christoph geführt habe.

“Wie würde es sein, nicht auf das Internet zu verzichten, weil ein unmenschlicher Telekommunikationsriese mich dazu zwingt? Sondern wenn dies aus freien Stücken geschehen würde? Wenn ich mich für eine bestimmte Zeitspanne absichtlich und willentlich ausstöpselte aus der stets weltweit verbundenen Gemeinde der »netizens«, der Bewohner des Internet-Reiches? Würde ich nach einer gewissen Zeit der Entwöhnung das, was ich nach dem Umzug als schier unerträglichen Verlust empfunden hatte, als Gewinn betrachten können? Oder würde ich die selbstverordnete Abstinenz absitzen wie eine Gefängnisstrafe, nur um danach wieder weiterzumachen wie zuvor – jeden Tag, jede wache Stunde online, ständig auf »senden/empfangen« geschaltet, wie es der Knopf in den meisten E-Mail- Programmen verheißt, den ich wie so viele Online-Junkies beständig drücke, wenn einmal längere Zeit keine Mail kommt.

Würde sich dieses vermissen, dieser Phantomschmerz eventuell im Lauf der Zeit zurückentwickeln? Würden sich die anderen noch verbliebenen Sinne stärken und verbessern, um den Verlust auszugleichen? Man sagt Blinden ja auch nach, besser hören zu können als Sehende. Würde ich also durch das Abschalten meiner Online-Aktivitäten auf einem anderen Sektor etwas dazugewinnen? Mich anders mit der Welt verbinden?

Bei allem Leiden über den nicht vorhandenen Online-Anschluss in der neuen Wohnung: Hatte ich nicht oft genug über das Internet auch – oder gerade dann – geflucht, wenn es funktionierte? Wenn es schlechte Nachrichten brachte in Form von unvorteilhaften Fußballergebnissen, dümmlichen Wortmeldungen fernsehprominenter Schlaumeier, die auf den Nachrichtenseiten wieder und wieder durchgekaut wurden? Mein Plan stand fest: Ich musste es ausprobieren.

Die Zehn Gebote der Internetlosigkeit

Die Regeln sollten klar und einfach, aber auch strikt sein: Ein Monat ohne Internet und ohne Mobiltelefon. Die Benutzung eines Computers für produktive Offline-Tätigkeiten sowie des Festnetztelefons würden erlaubt sein. Letzteres gibt es immerhin schon seit über 100 Jahren, ersteres war notwendig, um zum einen die Aufzeichnungen für dieses Buch anzufertigen, zum anderen, um meiner eigentlichen Tätigkeit als Journalist zumindest noch ansatzweise nachgehen zu können. Eine Aufgabe, die ohne Internet und Handy schon schwierig genug war, wie sich bald herausstellen sollte. Aber Regeln müssen bei einem solchen Unterfangen nun mal sein. Und so legte ich nach und nach die zehn Gebote für meine Internet-Abstinenz fest:

- Du sollst kein Internet haben in deinem Haus und in deiner Hosentasche.

- Du sollst das Internetcafé und alle sonstigen öffentlichen Onlinezugänge meiden.

- Du sollst deinen Computer gebrauchen, um Texte zu schreiben.

- Du sollst nicht Minesweeper spielen.

- Wenn dein Nachbar erzählt, was er »Verrücktes« auf Spiegel Online gelesen hat, sollst du dich nicht abwenden.

- Du sollst nicht selbigen Nachbarn beauftragen, etwas für dich zu googeln, eine Bahnfahrt online zu buchen oder eine Mail in deinem Namen zu schreiben.

- Du sollst nicht begehren deines Nachbarn Internetzugang, sein iPhone oder Blackberry.

- Du sollst Zeitung lesen, Fernsehen und Radio benutzen, wenn dir dergleichen beliebt.

- Du sollst nicht auf Papier lesen, was dein Nachbar für dich aus dem Internet ausgedruckt hat.

- Du sollst dir kein Faxgerät anschaffen. Wenn du bereits ein Faxgerät besitzt, so sollst du es benutzen nach deinem freien Willen.

Ich war gespannt, wie die Internetlosigkeit mein ganz normales Leben, meinen Alltag verändern würde. Die Art, wie ich mit Freunden kommunizierte, arbeitete, lebte, liebte, mir Kurzweil bereitete und mich informierte. Mir wurde aber auch schnell klar, dass dieser Monat mehr sein würde als nur ein Monat des Verzichts, in dem alles so normal sein sollte wie möglich – nur eben ohne Internet.”

Soweit die Leseprobe aus Christoph Kochs neuem Buch “Ich bin dann mal offline”

4 Kommentare

  1. nazrek sagt:

    Klingt ebenso interessant, wie das Buch “Du sollst nicht lügen” (Jürgen Schmieder).
    Jenes entpuppte sich aber als Reinfall. Zwar ist es interessant zu lesen, wie der Autor versucht komplett auf das Lügen zu verzeichten – aber es ist teilweise sehr sehr stumpf geschrieben.

    Ob ich diesen Selbstversuch lesen werde, steht noch in den Sternen.
    Mal schauen.

    -nzk

  2. Kalliey sagt:

    Das hört sich sehr interessant an, ich glaube ich kaufe mir das mal.

  3. Melanie Joos sagt:

    Klingt interessant. Wandert mal auf die Wunschliste für den nächsten größeren Büchereinkauf.

  4. Wilsson sagt:

    Interessantes Interview !
    Haben auch schon Kontakt zu dem Christoph genommen…
    Wir (mein Bruder & Ich ) hatten eine ähnliche Idee:
    Wir wünschen uns, daß soviele Leute wie möglich
    am 20.10.2010 offline gehen !

    Als Zeichen der virtuellen Welt, daß sie von UNS abhängig ist
    und nicht umgekehrt !!!

    Schaut gerne bei uns vorbei…

    http://theofflineday.wordpress.com/

    Wilsson

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