Dirk von Gehlens Experiment – so können Sachbücher heute geplant, finanziert und geschrieben werden

Dirk von Gehlen (Bild), Leiter “ Social Media/Innovation” bei der Süddeutschen Zeitung, habe ich zum ersten Mal 2010 kennengelernt, bei einem Workshop zur digitalen Zukunft der SZ. Das irrsinnig experimentelle Medialab, das wir uns damals erträumten, ist leider nicht realisiert worden. Mit Dirk bin ich trotzdem in Kontakt geblieben, spätestens nachdem wir uns im Jahr danach auf einer spanischen Finca wieder trafen, in der Dirk zufällig mit seiner Familie genau neben uns wohnte.

Jetzt hat Dirk, dessen letztes Buch bei Suhrkamp erschien, rund um sein neues Werk ein Experiment gestartet, das mich sehr an meine Veröffentlichungsgeschichte von Meconomy erinnert. Nur eben zwei Jahre danach und also viel ausgefeilter, moderner. Was er vorhat, schreibt er in diesem Gastbeitrag. Ich finde: unbedingt unterstützenswert.

“Als Nicholas Negroponte aufschreibt, was uns heute noch Ärger macht, ist Helmut Kohl Bundeskanzler. Der Wandel von Atomen zu Bits, mit dem Negroponte im Jahr 1995 den Kern der Digitalisierung beschreibt, schreitet seit dem unaufhaltsam fort. Antworten auf die Frage, was dieser Wandel für Denk- und Geschäftsmodelle von Kunst und Kultur bedeutet, finden wir trotzdem kaum. “Total Digital” von Nicolas Negroponte ist in Deutschland nur noch antiquarisch verfügbar, dabei möchte man die Lektüre von Negropontes Buch all denen empfehlen, die im Stillen darauf hoffen, die Digitalisierung würde wieder verschwinden. Seit Helmut Kohls Kanzlerschaft wissen wird: Das wird sie nicht tun!

Wie also nutzen wir die Tatsache, dass die Digitalisierung Daten von ihrem Träger gelöst und auf diesem Weg beweglich gemacht hat? Wer Antworten auf diese Frage sucht, bekommt wahlweise ein Jubel- oder Schreckensszenario aufgezeigt. Dass die Gegenwart die beste oder die schlimmste Zeit für Journalisten sei, um mit ihren Inhalten Geld zu verdienen, habe ich in den vergangenen Monaten gehört und gelesen. Was davon stimmt, weiß ich nicht. Deshalb mache ich mich jetzt auf eigenen Faust auf die Suche: mit dem Projekt “Eine neue Version ist verfügbar” (ENVIV).

Das Nachfolgeprojekt meines Suhrkamp-Titels “Mashup – Lob der Kopie” erscheint nicht in einem renommierten Verlag, sondern mit Hilfe der Leserinnen und Leser. Ich möchte ausprobieren, ob klappen kann, was ich in dem Buch behaupte: dass der Wandel von Atomen zu Bits auch die Inhalte verändert; sie verflüssigen sich. Kunst und Kultur werden durch die Digitalisierung nicht mehr einzig Produkte, wir müssen sie wie Prozesse denken – wie Software.

Deshalb will ich den Entstehungsprozess von ENVIV offenlegen, Versionen des Buchs veröffentlichen, das Schreiben transparent machen. Dazu zählt zunächst: dass die Leserinnen und Leser nicht erst am Ende des Schreibens auftauchen, sondern ganz am Anfang. Auf der Crowdfunding-Plattform Startnext bitte ich Sie, mich zu unterstüzen, bevor überhaupt ein Buchstabe geschrieben worden ist.

Im Mai 2013 erscheint dann hoffentlich ein Buch, das sich nicht nur inhaltlich mit der Idee von Kultur als Software befasst, sondern das
auch Erkenntnisse zu Tage fördert, die aus der Tatsache erwachsen, dass dieses Buch genau diese Idee selber ausprobiert – mit Ihrer Hilfe!”

Soweit der Gastbeitrag von Dirk von Gehlen. Vielen Dank, Dirk!

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